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„Klimaschutz ist Empathie und wir müssen uns alle fragen, ob wir empathisch sind“

Klimaschutz

Digitalisierung und Nachhaltigkeit – um dem Zusammenhang dieser wichtigen Themen unserer Zeit nachzugehen, traf sich Lara Polster, Projektleiterin beim Zukunftszentrum Süd vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw), mit Dr. Ole Wintermann, Senior Project Manager, von der Bertelsmann Stiftung. Ein Gespräch über New Work Werte, Nachhaltigkeit als Zweck der Digitalisierung und eine prägende Erfahrung im Nebel Norwegens.

Lara Polster (LP): Herr Dr. Wintermann, Sie befassen sich umfassend und tiefgründig mit den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Sie haben sogar einen eigenen Podcast zu diesem Thema. Was sind Ihre aktuellen Schwerpunktthemen?

Dr. Ole Wintermann, Senior Project Manager Bertelsmann Stiftung
Dr. Ole Wintermann, Senior Project Manager Bertelsmann Stiftung

Ole Wintermann (OW): Seit Anfang dieses Jahres haben wir einen großen Bereich in der Bertelsmann Stiftung im Bereich Nachhaltigkeit mit über 40 Beschäftigten, der sich in ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit gliedert.

Ich selbst befasse mich im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit insbesondere mit der Diskursanalyse. D.h. ich analysiere, wer die relevanten Akteure und Stakeholder im Bereich der Nachhaltigkeit in Deutschland sind und vor allem auch waren in den letzten zehn Jahren. Wer spricht mit wem und wie? Der Versuch ist ein gemeinsam getragenes Narrativ zu entwickeln.

Der Wunsch und die Frage sind: Wie kann man einen positiven Pfad für die Zukunft anbieten?

Das zweite wichtige Thema für mich ist die betriebliche nachhaltige Transformation. Wie läuft es hier? Kann es sein, dass die Erfolgsfaktoren der digitalen Transformation die gleichen sind wie die der nachhaltigen Transformation? Gibt es Unterschiede?

LP: Wie gehen Sie in der Diskursanalyse methodisch vor?

OW: Besonders interessant ist die Kombination aus KI-basierter und menschlicher Arbeit, um Semantiken in den sozialen Medien zu filtern, zu kategorisieren und Ableitungen zu treffen.

Der Vordenker Gunter Dueck hat vor zehn Jahren in einem Beitrag in der re:publica vom metakulturellen Diskurs gesprochen.  Er sagte goldrichtig, dass jeder erst einmal begreifen müsse, in welchem Werte- oder sozialem Kontext er selbst argumentiert, um zu verstehen, warum der andere etwas anderes sagt oder meint.

Dieses Learning mit der Methodik begreifbar zu machen und auf den Diskurs zur Nachhaltigkeit anzuwenden ist das spannendste. Für Ergebnisse ist es derzeit noch zu früh.

LP: Gibt es hierzu eine These Ihrerseits?

OW: Ja. Die Arbeitsthese ist: Es gibt eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in ein progressives und ein konservatives Lager, ähnlich wie in den USA – und die Spaltung wird immer größer. Die Frage ist, wer oder wie man diese Spaltung überwinden kann. Allerdings ist es wichtig zu betonen, dass dies derzeit nur eine Arbeitsthese ist.

LP: Sind diese Seiten ausgewogen?

OW: Ja. Wichtiger Punkt: Mit Spaltung ist gemeint, gesellschaftliche Polarisierung zwischen Menschen, die wissen, dass es so nicht weiter geht und in die Menschen, die tendenziell nichts ändern wollen oder können. Das kann man auch momentan in Schweden und Italien anhand der Wahlergebnisse beobachten.

LP: Sie sagten einmal sinngemäß: Digitalisierung muss auch einen Zweck für die Unternehmen erfüllen, im Sinne von: Wofür digitalisiere ich eigentlich? Sie nennen das „Doppelte Transformation“.

OW: Wir haben uns über sechs Jahre damit beschäftigt. Auch wir selbst waren am Anfang sehr getrieben von dem Spirit einer Veränderung. Im Laufe der Projektzeit hat sich uns zunehmend die Frage gestellt: Wofür denn jetzt eigentlich?

Der Vordenker Frithjof Bergmann hat in den 70er Jahren schon den Satz geprägt „Was wollt ihr wirklich wirklich arbeiten?“, also das doppelte „wirklich“, im Sinne von „Jetzt gehen wir mal in die Tiefe und schauen, was die Menschen wirklich antreibt“. Die Menschen treibt nicht wirklich die Technisierung der Arbeitswelt an. Ein schöner Computer ist gefällig, aber das treibt mich nicht wirklich an. Es geht um andere Fragen. Bergmann hat darauf hingewiesen, dass den Menschen Selbstwirksamkeit, Authentizität und Kommunikation auf Augenhöhe sehr wichtig sind. Uns ist dann immer mehr aufgefallen, dass diese Prämissen von New Work – im positiven Sinne – zwangsläufig auf Nachhaltigkeit auf der individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Ebene hinauslaufen. Da geht’s um die Fragen: Wie gehe ich mit mir selbst um, wie nehme ich mich selbst wahr usw. Also das gleiche Thema wie bei der Nachhaltigkeit: Wie gehe ich mit der Umwelt um, wie nehme ich sie wahr?

Wir wollten uns dieser Verbindung widmen und uns die Frage stellen: Gibt es diese Verbindung überhaupt oder meinen nur wir, diese Verbindung wahrzunehmen? Da geht es erst einmal darum, wie mit digitalen Tools nachhaltiges Wirtschaften geschafft werden kann, und die Frage: Ist der Impuls der betrieblichen Transformation derselbe, der dann im Nachhinein auch zu einer nachhaltigen betrieblichen Transformation führt?

LP: Eine wünschenswerte These könnte also sein, dass Nachhaltigkeit der Zweck der Digitalisierung ist.

Zzs Beraterin Lara Polster
Lara Polster, Projektleiterin beim Zukunftszentrum Süd vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw)

OW: Ja, richtig. Und es geht zunehmend in die Richtung. Es gibt bspw. eine interessante Entwicklung im Bereich der Bilanzbuchhaltung, diese als ganzheitliche Bilanzbuchhaltung auszurichten. Also nicht nur die Gewinnsituation des Unternehmens zu betrachten, sondern auch der konkreten Frage nachzugehen, wie die Nettoposition des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft und Umwelt bewertet werden kann. Auch die Berücksichtigung der ESG-Kriterien spielt eine Rolle. Sprich, wenn ein Unternehmen nachhaltiger bilanziert, dann hat es auch bessere Chancen bei der Vergabe von Kapital. Das ist eine interessante Entwicklung. Das klassische ökonomische Paradigma trifft auf Nachhaltigkeit. Und plötzlich schließen sich beide Prinzipien nicht mehr gegenseitig aus, sondern bedingen sich. Plötzlich kann nur der ökonomisch erfolgreich sein, der auch ökologisch wirtschaftet – so unsere Arbeitsthese.

LP: Was sind mögliche negative Effekte von Digitalisierung, Stichwort Rebound-Effekte? Wie kann sichergestellt werden, dass technologischer Fortschritt dafür genutzt wird bspw. klimaneutral zu werden anstatt dem möglichen Drang nachzugeben noch effizienter zu werden?

OW: Ja, die gibt es. Zum Beispiel bei der Digitalisierung: „Wie lösen wir bestehende Probleme?“ Das können Sie vergleichen mit der Situation, dass bestimmte kommunikative Probleme im Unternehmen mit einem gewissen Tool gelöst werden sollen, sei es MS Teams oder dergleichen. Aber das kann nicht funktionieren, wenn die Kultur im Unternehmen nicht stimmt. Beispiele zeigen, dass es oftmals nicht am Kommunikationswillen der Beschäftigten liegt, sondern am mangelnden Vertrauen im Unternehmen und an mangelnder Offenheit. Und das gleiche passiert beim Thema Klimaschutz. Wir werden das Problem nicht regeln, wenn wir nicht das Verhalten lösen. Wir können das Problem nicht rein technisch lösen. Es gibt aktuell einen Kommissionsbericht des britischen House of Lords, und dort sagen sie ganz klar: Wir können den Klimawandel nicht rein technisch lösen, sondern es geht um Verhaltensänderungen. Und wenn die Konservativen vom House of Lords das sagen, dann regt das dazu an die eigene Position zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Und diese Botschaft hat eine positive und eine herausfordernde Seite: Positiv ist, dass wir es selbst in der Hand haben. Die Herausforderung ist jetzt aber, dass wir die Verantwortung für Nachhaltigkeit nicht mehr auf die anderen, sei es Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, abwälzen können. Dasselbe gilt natürlich aber auch für den Vorstand eines Autokonzerns.

LP: Herr Dr. Wintermann: Sie haben in Ihrem Podcast „Zukunft der Nachhaltigkeit“ die Frage aufgeworfen, wie das Klima zu retten ist. Ihre Antwort, wenn Sie nur einen Satz zur Verfügung haben?

OW: Klimaschutz ist Empathie und wir müssen uns alle fragen, ob wir empathisch sind.

LP: Obwohl wir als Menschen Teil der Natur sind, hat man mitunter das Gefühl, „die“ Natur könne als etwas von uns Menschen Isoliertes gesehen werden. Oder wie sollte man sich sonst erklären, dass Klimaschutz teilweise gerechtfertigt werden muss?

OW: Ganz klar. Wir haben uns entfremdet von der Natur. Die Natur ist etwas, das ganz klar außerhalb von uns steht. Das macht sich sehr deutlich bei dem Ausspruch: Wir fahren IN die Natur. Als ob die Natur erst jenseits der Stadt anfängt und bis dahin ist irgendwie Stadt und dann beginnt die Natur. Ich hatte persönlich vor 30 Jahren eine Begebenheit, als ich Skilanglaufen war in Norwegen. Auf einmal zog dicker Nebel auf und ich konnte mich für eine längere Zeit nicht mehr orientieren im Wald. Mir wurde in diesem Moment klar, dass die Natur kein Erbarmen hätte mit mir. Die Natur ist etwas Größeres und ich kann sie nicht bewältigen oder herausfordern. Das war sehr prägend. Ich beobachte bei vielen Menschen in Mitteleuropa, dass sie so eingebunden sind in die Struktur, in unsere Infrastruktur, dass sie nicht mehr wissen, was es heißt, abhängig zu sein von der Natur. Wenn man nicht versteht, dass die Natur etwas Größeres ist, dann kann man nicht nachhaltig sein.

LP: Was – würden Sie sagen – ist das Wichtigste, was wir von der Natur lernen können?

OW: In Kreisläufen und Kontexten zu denken. Kein Lebewesen in der Natur, keine Pflanze kann existieren ohne die Natur um sie herum. Alles ist ein Kreislauf – auch rein wissenschaftlich. Zu verstehen, dass man ein paar Jahre hier auf der Erde hat und schauen kann, ob man einen positiven oder negativen Abdruck hinterlassen möchte.

LP: Ihr Wunschkonzert: Was ist Ihr Wunsch für die Welt?

OW: Dass wir uns an die weltweit gültigen menschlichen Stärken von Empathie, sozialem Verhalten und Altruismus zurückerinnern.

LP: Und Ihr Beitrag?

OW: Der tägliche Kampf auf Twitter😊 Kommunikation ist das Eine, um das Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit voran zu treiben. Vorleben ist das Andere. Wir lernen von anderen und geben das Wissen weiter.

LP: Herr Dr. Wintermann, vielen Dank für das Gespräch!

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